Xnauths Kuhhaut · Teil 1Curse of the Crimson Throne
Was Xnauth verpasst hat
Was Xnauth verpasst hat (26. März 2011)
Davon gibt es keine Kuhhaut. Xnauth war nicht dabei, und er hat es erst hinterher erfahren, aus dem Mund der anderen und mit viel zu vielen Worten. Hier steht, was davon in seinem Schädel hängen geblieben ist.
Das hier ritze ich nicht. Eine Kuh opfere ich nicht für einen Abend, an dem ich gar nicht dabei war. Ich erzähle es, weil die anderen sonst glauben, ich wüsste es nicht. Ich weiß es. Sie haben es mir oft genug erzählt.
Es fing mit Karten an. Jeder von ihnen hat eine bekommen, eine bunte Karte mit Bildern, wie sie die Varisianer auf den Märkten legen. Darauf stand eine Einladung in ein Haus in der Stadt. Ich habe an dem Tag keine Karte bekommen. Vielleicht hat sie eine Kuh gefressen. Vielleicht hat mich jemand für zu laut gehalten. Das hat man mir später auch noch gesagt.
Sie sind alle hingegangen. Der Gnom mit dem blonden Helm, der seinen Gott in Münzen zählt. Der lange Säufer mit dem Bierkrug. Der Irre mit dem Brandzeichen auf der Stirn und dem violetten Vieh, das nicht weiß, ob es Katze oder Drache sein will. Und der Varisianer mit dem Hut. Fünf Fremde an einem gedeckten Tisch. Es gab Brot und Wein. Das Brot war alt, der Wein war schal, alles schmeckte, als hätte es schon ein paar Tage dort gestanden. Keiner hat sich gewundert. Ich hätte mich gewundert. Aber ich war ja nicht eingeladen.
Die Wahrsagerin hieß Zellara. Sie hat ihnen die Karten gelegt und gesagt, dass sie alle denselben Mann suchen. Gaedren Lamm. Den alten Lamm, der Kinder für sich stehlen lässt und Unschuldige an den Galgen bringt. Jeder von ihnen hatte eine Rechnung mit ihm offen. Ich auch. Nur saß ich nicht am Tisch. Zellara wusste, wo er steckt: in einer alten Fischfabrik unten am Hafen, wo es so stinkt, dass selbst die Möwen einen Bogen fliegen.
Also sind sie los. Der Varisianer ist über die Dächer vorausgeschlichen und hat von oben geschaut, wie es dort aussieht. Das kann er. Er ist flink wie ein Wiesel, das habe ich später am eigenen Schädel gemerkt. Dann haben sie sich verteilt, wie Leute, die schon mal ein Haus gestürmt haben. Der Gnom und der Säufer nahmen den Vordereingang, der Varisianer die Rückseite, der Irre kam von der Seite. Ein ordentlicher Plan. Ich hätte die Tür eingetreten. Das geht schneller.
Drinnen wartete zuerst ein Hai. So sagen sie jedenfalls. Ein Hai in einer Fischfabrik. Ich sage: Es war ein großer Fisch, und mit jedem Becher Wein ist er beim Erzählen ein Stück größer geworden. Sie haben ihn erschlagen, oder er sie fast. Darüber sind sie sich bis heute nicht einig.
Dann kam Gaedren selbst, mit seinen Schlägern. Und mit einem Hund. Den Hund erwähnen sie jedes Mal, und zwar mit stolzer Brust. Sie haben ihn in die Flucht geschlagen. Einen Hund. Glorreich, sagen sie. Ich habe in meinem Leben schon Hunde in die Flucht geschlagen, aber ich habe nie ein Lied darüber gesungen. Die Schläger lagen am Ende auf dem Boden, und der Alte war gefesselt wie ein Schwein auf dem Weg zum Markt. Er lebte noch. Das hätten sie mir überlassen sollen.
In seinem Versteck fanden sie allerlei Plunder. Einen Zauberstab, das Kartendeck der Wahrsagerin, ein Schmuckstück, das zu fein war für einen wie Gaedren, und noch mehr Kram, den der Gnom sicher schon gezählt hat. Und sie fanden einen Kopf. Den Kopf von Zellara. Die Frau, die sie am Abend an ihren Tisch geladen hatte, war schon tot, als sie die Karten legte. Ich verstehe nichts von Geistern. Aber ich weiß, dass Brot nicht in einer Stunde alt wird.
Ein Kind war auch noch da. Eines von denen, die der Alte für sich arbeiten ließ. Die anderen wollten es in ein Waisenhaus bringen. Ich hätte es laufen lassen. Ein Kind, das bei Gaedren überlebt hat, findet seinen Weg auch allein.
Mit dem gefesselten Lamm, dem Kopf und dem ganzen Plunder sind sie zurück in das Haus der Wahrsagerin. Und da war es nicht mehr dasselbe Haus. Staub lag auf dem Tisch, auf den Stühlen, auf dem Boden. Kein Brot, kein Wein. Im Staub waren nur ihre eigenen Fußspuren zu sehen, sonst nichts. Als hätte seit Wochen niemand dort gewohnt. Komisch, haben sie gesagt. Komisch. Mir stehen jetzt noch die Haare im Nacken, wenn ich daran denke, und ich war nicht einmal dabei.
Einen Stuhl hatten sie für mich freigelassen. Das haben sie mir erst am nächsten Tag erzählt, als ich die Karte an meiner Keule fand. Was dann geschah, steht auf der ersten Haut. Die ritze ich selbst.